Aufruf An den Deutschen Bundestag und die deutsche Öffentlichkeit

Ein Polen-Denkmal in der Mitte Berlins

Zum Gedenken an die polnischen Opfer der deutschen Besatzung 1939-1945

Es gibt kaum eine polnische Familie, die nicht betroffen war und ist von der deutschen Besatzungsherrschaft von 1939-1945. In Deutschland ist dieses barbarische Unrecht nur unzureichend bekannt.

Auf den Geheimpakt mit der Sowjetunion zur Aufteilung Polens am 23. August 1939 folgte am 1. September der deutsche Überfall auf Polen. Er war von massiven Kriegsverbrechen begleitet, Massenerschießungen von Kriegsgefangenen und Zivilisten, gezielte Ermordung Zehntausender der polnischen Eliten durch Einsatzkommandos der Polizei und SS, Zerstörung Hunderter polnischer Städte und Dörfer durch die deutsche Wehrmacht. Millionen polnischer Frauen und Männer wurden zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verschleppt. In deutschen Vernichtungslagern auf polnischem Boden wurden sechs Millionen Juden ermordet, zur Hälfte polnische Staatsbürger. Weitere drei Millionen nichtjüdischer Polen wurden ebenfalls Opfer deutscher Verbrechen. Vor dem Rückzug der deutschen Truppen 1944/45 wurde die Hauptstadt Warschau dem Erdboden gleich gemacht.

Verdienen diese unsäglich großen Opfer, Leiden und Erniedrigungen der Polen durch die verbrecherische deutsche Besatzung nicht ein eigenes Zeichen des Gedenkens in der Mitte unserer Hauptstadt?

Ein Denkmal für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung 1939-1945 ist seit langem ein gemeinsames Anliegen vieler sich um Verständigung und Versöhnung bemühender Deutscher und Polen. Es war ein Herzensanliegen Władysław Bartoszewskis, des 2015 verstorbenen Auschwitz-Überlebenden und Schirmherrn deutsch-polnischer Versöhnung. Erst jüngst hat in Berlin der Kabinettschef des polnischen Präsidenten einen Ort vermisst, um einen Kranz niederzulegen. Das von der DDR in Friedrichshain errichtete »Denkmal des polnischen Soldaten und des deutschen Antifaschisten« entspricht in seiner künstlerischen und politischen Aussage diesem Anliegen nicht. 2

 

Gegenüber dem künftigen Dokumentationszentrum der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung im Deutschlandhaus am Askanischen Platz befindet sich eine öffentliche Grünfläche, die sich für die Errichtung eines Polen- Denkmals in besonderer Weise eignet. Sie bietet Platz für ein in die Höhe strebendes, weithin sichtbares Gedenkzeichen in der politisch-symbolischen Mitte der deutschen Hauptstadt. Diese reicht vom Reichstag mit dem sowjetischen Ehrenmal zum Brandenburger Tor mit dem Holocaust-Mahnmal und den Opferdenkmälern im Tiergarten, von den Vertretungen der Bundesländer zu den Mauer-Resten am Potsdamer Platz, vom Bundesrat am Leipziger Platz zum Abgeordnetenhaus, schließlich zur Topographie des Terrors und dem Askanischen Platz mit der Kriegsruine des Anhalter Bahnhofs und dem Dokumentationszentrum der deutschen, polnischen und europäischen Geschichte von Flucht und Vertreibung und deren Ursachen und Folgen.

Mit einem würdigen Polen-Denkmal am Askanischen Platz würde ein deutsch-polnisches Zeichen gesetzt, das Krieg, Vernichtung, Flucht, Vertreibung und Versöhnung in den untrennbaren Zusammenhang von Ursache und Wirkung stellt. So kann auch der Streit um das Dokumentationszentrum beendet werden als Voraussetzung einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Polen in der historischen Aufarbeitung des Krieges und seiner Folgen.

Das Ziel einer deutsch-polnischen Aussöhnung vergleichbar der gelungenen deutsch-französischen Freundschaft bleibt bisher unerreicht. Frankreich wurde selbst von der NS-Diktatur noch als Nation respektiert. Polen sollte als Nation vernichtet werden. Nur wenn das nicht vergessen und unser zweiter großer Nachbar Polen heute als Nation in seiner ganzen Würde und Freiheit geachtet wird, kann aus Nachbarschaft Freundschaft werden.

Dem gilt es ein Zeichen zu setzen.

Berlin, 15. November 2017

Unterzeichner des Aufrufs

An den Deutschen Bundestag und die deutsche Öffentlichkeit

Ein Polen-Denkmal in der Mitte Berlins

Zum Gedenken an die polnischen Opfer der deutschen Besatzung 1939-1945

 

 

Dr. Felix Ackermann, Deutsches Historisches Institut Warschau

Prof. Dr. Martin Aust, Geschichte und Kultur Osteuropas, Universität Bonn

Prof. Klaus Bachmann, Universität für Sozial- und Geisteswissenschaften Warschau

Kurt Beck, Ministerpräsident a. D., Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn

Marieluise Beck, Zentrum Liberale Moderne, Berlin

Volker Beck, MdB, Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Berlin

Prof. Dr. Dieter Bingen, Direktor, Deutsches Polen-Institut Darmstadt

Dr. Jochen Böhler, Imre Kertéz Kolleg Jena, Visiting Professor Sorbonne, DHI Paris

Elmar Brok, Mitglied des Europäischen Parlaments, Brüssel

Frank Burgdörfer, Mitglied des Vorstandes der Europäischen Bewegung, Berlin

Viola von Cramon-Taubadel, MdB 2009 -2013, Vorsitz. Sonnenberg-Kreis St. Andreasberg

Dr. Detmar Doering, Publizist, z. Zt. Prag

Hans Eichel, Bundesfinanzminister a. D., Kassel

Roland Feicht, Friedrich-Ebert-Stiftung Warschau

Dr. Marcus Felsner, ehem. Vorsitz. d. Osteuropavereins  d. deutschen Wirtschaft, Berlin

Ralf Fücks, ehemaliger Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Prof. Dr. Stefan Garsztecki, Kultur- und Länderstudien Ostmitteleuropas, TU Chemnitz

Professor Timothy Garton Ash, St Antony’s College, University of Oxford

Irene Hahn-Fuhr, Heinrich-Böll-Stiftung Warschau

Prof. i.R. Dr. Hans Henning Hahn, Historiker, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Rebecca Harms, Mitglied des Europäischen Parlaments in der Grünen/EFA Fraktion, Brüssel

Prof. em. Dr. Heiko Haumann, Departement Geschichte, Universität Basel

Dr. Heidi Hein-Kircher, Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung, Marburg

Christoph Heubner,  Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Berlin

Dr. Andrzej Kaluza, Deutsches Polen-Institut Darmstadt

Thorsten Klute, NRW-Staatssekretär a. D., Versmold

Ute Kochlowski-Kadjaia, Osteuropaverein der deutschen Wirtschaft e.V., Berlin

Hartmut Koschyk, Bundesbeauftragter für Aussiedler und nation. Minderheiten, Bayreuth

Prof. Dr. Claudia Kraft, Europäische Zeitgeschichte seit 1945, Universität Siegen

Prof. Dr. Jan Kusber, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, Mainz

Dr. Andreas Lawaty, Historiker, Lüneburg

Dr. Peter Oliver Loew, Deutsches Polen-Institut Darmstadt

Manfred Mack, Deutsches Polen-Institut Darmstadt

Dr. h.c. Lothar de Maizière, Ministerpräsident a. D., Bundesminister a. D, Berlin

Marko Martin, Schriftsteller und Stadtschreiber Wrocław/Breslau 2016, Berlin

Florian Mausbach, Präsident i. R., Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Berlin

Aiman A. Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Köln

 

Steffen Möller, Kabarettist und Autor („Viva Polonia“), Berlin/Warschau

Prof. Dr. Andreas Nachama, Direktor, Topographie des Terrors, Berlin

Prof. Dr. Norman Naimark, Stanford University

Kurt Nelhiebel, Publizist (Conrad Taler), Bremen

Dietmar Nietan, MdB, dt.-pl. Parlamentariergruppe, Vors. dt.-pl. Gesellschaft BV, Berlin

Thomas Nord, MdB, Vorsitzender der dt.-pl. Parlamentariergruppe, Frankfurt (Oder)

Prof. Dr. Julia Obertreis, Vorsitzende, Verband der Osteuropahistoriker/innen, Erlangen

Dr. Hans-Gert Pöttering, Präsident des Europäischen Parlaments a.D., Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, Berlin

Prof. Dr. Joachim von Puttkamer, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Prof. Jan Plamper, Historiker, Goldsmiths, University of London

Uwe Rada, Publizist und Autor („Die Oder“), Berlin

Prof. Dr. Miloš Řezník, Direktor, Deutsches Historisches Institut Warschau

Felix Riefer, Beiratsmitglied im Lew Kopelew Forum Köln

Jun. Prof. Dr. Maren Röger, Universität Augsburg, Deutschland und das östliche Europa

Manuel Sarrazin, MdB, dt.-pl. Parlamentariergruppe, Hamburg

Wolfgang Schneiderhan, Generalinspekteur der Bundeswehr a. D., Präsident d. Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., Berlin

Prof. Dr. Günter Schödl, Humboldt-Universität Berlin, i.R.

Prof. Dr. Dietrich Scholze, Direktor i. R., Sorbisches Institut Bautzen

Froben Dietrich Schulz, Vorsitzender Deutsch-Polnische Gesellschaft Franken, Nürnberg

Prof. Dr. Martin Schulze-Wessel, Direktor des Collegium Carolinum München

Prof. Dr. Gesine Schwan, Humboldt-Viadrina Governance Platform gGmbH, Berlin

Dr. Stephan Stach, Institut für Zeitgeschichte der Tschech. Akademie der Wissensch., Prag

Dr. Katrin Steffen, Nordost-Institut an der Universität Hamburg (IKGN e.V.)

Prof. Dr. Eckart D. Stratenschulte, Vorstandsmitglied der Deutschen Nationalstiftung, Berlin

Dietmar Stüdemann, Botschafter a. D., Berlin

Prof. Dr. Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin, Berlin

Dr. h.c. Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident, Berlin

Ulrike Trautwein, Generalsuperintendentin Berlin, Ev. Kirche Bln-BB-schles. Oberlausitz

Dr. Hans-Christian Trepte, Dozent am Institut für Slavistik der Universität Leipzig

Prof. Dr. Stefan Troebst, Historiker, Universität Leipzig

Dr. Konrad Vanja, Museumsdirektor und Professor a. D., Ansbach

Prof. Dr. Claudia Weber, Europäische Zeitgeschichte, Viadrina Frankfurt (Oder)

Prof. Dr. Michael Wildt, Historiker, Humboldt-Universität Berlin

Dr. Klaus Wittmann, Brigadegeneral a.D., Senior Fellow Aspen Institute Deutschland, Berlin

Dietmar Woidke, Ministerpräsident, Koordinator für die deutsch-polnische zwischengesellschaftliche und grenznahe Zusammenarbeit, Potsdam

Prof. Dr. Klaus Ziemer, Direktor a. D. Deutsches Historisches Institut Warschau, Trier

Prof. Dr. Christoph Zöpel, Staatsminister a. D., Bochum

 

Berlin, 15. November 2017