Aus unserer Veranstaltungsreihe: Beata Kozak 1

Ewa Maria Slaska

Postdeutsche Christbaumkugel

Beata Kozak, die polnische Germanistin, Feministin und Redakteurin der feministischen Zeitschrift „Zadra“ (Splitter) trat heute auf Einladung unseres Vereins im Kinosaal der Regenbogenfabrik auf. Sie las aus ihrer Arbeit zum Thema „Postdeutsches Stettin“. Das Publikum hat das gut aufgenommen, wir verlebten zusammen einen interessanten Abend und dachten darüber nach, was es bedeutet, zu Hause, aber gleichzeitig an einem fremden Ort, in fremden Stiefeln und einem fremden Bett aufzuwachsen.

Das Publikum war überwiegend deutsch, nur wir beide – Dorota Kot und ich – saßen nebeneinander und irgendwo im Hintergrund waren noch zwei Leute, die polnisch sprachen. Der Text war auf Deutsch, er war gut geschrieben und wurde ausgezeichnet angereichert mit lebendigen Bemerkungen. Trotzdem war es doch erforderlich, den deutschen Zuhörern Dinge zu erläutern, die für uns unmittelbar komisch waren, aber für sie nicht unbedingt, insbesondere weil langwierige Erläuterungen dem kompakten wörtlichen Aufbau eines Witzes etwas abträglich sind.

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Uns amüsierte insbesondere die Geschichte über die postdeutsche Christbaumkugel (polnisch „bombka“, d. h. wörtlich übersetzt „Bömbchen“), die die Großeltern in der Stettiner Wohnung gleich nach dem Krieg gefunden hatten und die immer als erste Dekoration an den Christbaum der Familie gehängt wurde – leider fiel der Christbaum letztes Jahr um und das „Bömbchen“ zerbrach. Natürlich musste den deutschen Zuhörern erläutert werden, dass das polnische Wort für Weihnachtskugel „bombka“ in diesem Zusammenhang sehr lustig ist, weil in diesem Wort auch etwas Militärisches zum Ausdruck kommt, das sich unerwartet mit der polnischen weihnachtlichen Wirklichkeit mischte, die dadurch mit einer Prise postdeutschem Schrecken versetzt wurde, heute vielleicht unverständlich, aber vor einem halben Jahrhundert völlig real. Uns gefiel auch sehr die Geschichte, wie der Großvater, um Plünderer abzuschrecken, in den Stuck an der Decke schoss und wie die Spuren davon bei jeder Reparatur sorgfältig gesichert wurden, damit sie um Gottes willen nicht übermalt wurden, weil sie zur Familienlegende gehörten, oder die Geschichte über die Fledermäuse unter dem Dach der großen postdeutschen Schule, über die das Gerücht umging, dass sie deutsch waren, sich in die Haare verwickelten und polnisches Blut saugten… Und es war so, dass nur wir beide lachten. Deshalb ist es für mich schwierig zu sagen, ob auch andere mit der Veranstaltung zufrieden waren, ich auf jeden Fall sehr. Insbesondere weil ich aus Danzig komme, folglich auch in einer postdeutschen Stadt aufgewachsen bin und mir deshalb die Geschichten von Beata sehr nahe sind.

(Übersetzung aus dem Polnischen Franz Eichinger, Moderation des Abends Brigitte von Ungern-Sternberg)

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Beata Kozak las aus dem Buch:

Zugezogen: Flucht und Vertreibung – Erinnerungen der zweiten Generation
Herausgeber: Roswitha Schieb, Rosemarie Zens
Schoeningh Verlag  2016

Weiterer Post zum Thema, ein Text von Franz Eichinger HIER