Ausstellung aus Polen – Common Affairs

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» Common«, das kann »üblich« aber auch »gemeinsam« bedeuten. Bezogen nicht nur auf die aktuelle polnische, sondern auf eine globale Kunstszene, die immer grenzübergreifender, medienwirksamer, marktorientierter und zugleich politischer und kontroverser wird, wirft der Ausstellungstitel COMMON AFFAIRS Fragen auf. Ist Kunst wirklich so selbstverständlich? Ist sie tatsächlich unsere gemeinsame Sache? Welche Rolle spielt sie heute, im Sommer 2016 – nicht nur in Polen, sondern auch im europäischen Kontext? COMMON AFFAIRS wurde als Kooperationsprojekt der Deutsche Bank KunstHalle, des Polnischen Instituts Berlin und der Warschauer Zachęta – Nationale Kunstgalerie konzipiert. Die Ausstellung zeigt an beiden Berliner Orten eine Auswahl von Künstler_innen, die von 2003 bis heute für den VIEWS-Award nominiert waren. Sie berührt Geschichte und Wirkung des von der Deutschen Bank und der Zachęta initiierten Preises, der inzwischen zur wichtigsten Auszeichnung für polnische Gegenwartskunst geworden ist.
Gleichermaßen untersuchen die Kurator_innen Julia Kurz aus Leipzig und Stanisław Welbel aus Warschau, mit den teilnehmenden Künstler_innen, welche Freiheiten, welche Diskurse, welchen Austausch öffentliche und private Förderung ermöglichen, und wie Kunst dadurch ideologisch instrumentalisiert wird. Dabei kommentieren die unterschiedlichen Positionen von COMMON AFFAIRS die Jahre seit der Einführung des neuen politischen Systems in Polen im Jahr 1989 und die veränderte Rolle Polens in der europäischen Gemeinschaft. Es ist bezeichnend, dass die Ausstellung im Rahmen der Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags und der Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Warschau stattfindet.

Immer wieder greifen polnische Künstler_innen kritisch die gegenwärtige politische Situation des Landes auf. Dazu gehört etwa Janek Simon mit seiner Skulpturenserie „Real Poles“. Die Arbeit ist eine Reaktion auf jüngst geführte politische Diskurse und die Diskussion darüber, was es bedeutet, Pole oder Polin zu sein. Diese Frage stellt auch Anna Okrasko mit ihrem fortlaufenden Projekt „Patriots“, in dem sie die Beziehungen innerhalb einer Gruppe junger polnischer Emigranten untersucht, die ihr Leben zwischen Rotterdam und Schlesien pendelnd verbringen. In seiner Multimediaskulptur „The Cross“ greift Piotr Wysocki Aufnahmen der Trauerkundgebungen nach dem Flugzeugabsturz der polnischen Präsidentenmaschine im Jahr 2010 auf. Die Arbeit vermittelt einen Eindruck davon, wie sich die Weltsichten in Polen voneinander entfremdet haben. Sie zeigt, wie die gemeinsame nationale Trauer, von unterschiedlichen Seiten dazu genutzt werden kann, einen bestimmten Begriff nationaler Identität zu prägen. Wysocki gibt keine einfachen Antworten. Stattdessen analysiert er seine eigene, distanzierte Haltung zu solchen Kundgebungen und die Wahrnehmungen der Menschen, die daran teilnehmen.

Ein alternatives Polen zeigt Karol Radziszewskis seit 2009 fortgeführte Installationsserie „Kisieland“. Sie basiert u.a. auf einer künstlerischen Fotoserie des Aktivisten Ryszard Kisiel, die in Reaktion auf eine anti-homosexuellen Aktion der polnischen Geheimpolizei im kommunistischen Polen entstand. Ergänzt durch weiteres Material, sammelt Radziszewski diesen bisher unbekannten Teil queerer polnischer Geschichte im Rahmen des von ihm gegründeten »Queer Archives Institute«. Um alternative Geschichtsschreibung geht es auch in Agnieszka Polskas und Witek OrskisVideo „Guns“. Es erzählt die (unbestätigte) Geschichte der Studentenproteste in Polen 1968: Die Machthaber ordneten an, alle Waffen der Sammlung des Armeemuseums gebrauchsunfähig zu machen, aus Angst, die Demonstranten könnten sich ihrer bemächtigen.

Die Geschichte Polens im europäischen Kontext von der Industrialisierung über die Weltkriege und den Holocaust bis zum Eintritt in die Europäische Union bildet den Schwerpunkt von COMMON AFFAIRS. Besonders steht dabei die Auseinandersetzung mit der Moderne im Fokus. Das reicht von Anna Molskas Version von Gerhart Hauptmanns „Die Weber“ zu Rafał Jakubowiczs Arbeit „Bauhaus“, dessen Typografie auch von Franz Ehrlich, einem Absolventen des Dessauer Bauhauses, verwendet wurde. Als Häftling arbeitete Ehrlich im Konzentrationslager Buchenwald und entwarf dort unter anderem die Torinschrift »Jedem das Seine« – in der Typografie der als »entartet« verfemten Bauhaus-Moderne. Monika Sosnowskas Skulpturen thematisieren hingegen das Scheitern sozialmodernistischer Vorstellungen. Inspiriert vom polnischen Konstruktivismus der 1930er-Jahre, dem Sozialistischen Realismus des ehemaligen Ostblocks, von Minimalismus und Konzeptualismus, greift sie auch auf Beispiele zurück, die der modernen Architektur der Volksrepublik Polen entstammen.

Elżbieta Jabłońskas Readymade „Nowe Życie“ (Neues Leben) ist im Polnischen Institut Berlin zu sehen: eine zehn Meter lange Leuchtreklame aus den 1970er-Jahren, die von der Künstlerin bei einer Landwirtschaftsgenossenschaft entdeckt wurde. Das optimistische Versprechen eines Neuanfangs bekommt über 40 Jahre später im Ausstellungskontext eine ambivalente Wendung. Für COMMON AFFAIRS wird die riesige Leuchtskulptur auf ein Schiff verladen und auf Flüssen und Kanälen die Grenze von Polen nach Deutschland überqueren.
Den zweiten Schwerpunkt von COMMON AFFAIRS bildet die Auseinandersetzung mit der Vermittlung und Produktion von Kunst, die Untersuchung der Bedingungen in Kulturinstitutionen und den sozialen Hierarchien im Kunstbetrieb. Hierzu gehören Paweł Althamers Zusammenarbeit mit dem Wachpersonal der Deutsche Bank KunstHalle ebenso wie die neue Arbeit „Self-fulfilling Prophecy“ der Supergrupa Azorro. Letztere wirft einen ironischen Blick auf den Kanon des Kunstsystems: Die Künstler, die ihre Arbeit 2002 in Berlin zeigen wollten und sich erfolglos im damaligen Deutsche Guggenheim vorstellten, kehren nach 14 Jahren unter veränderten Bedingungen in die KunstHalle zurück. In ihrem Film „Office for Monument Construction“ zeigt Karolina Breguła, dass eine Museumssammlung nicht nur Gruppenidentität stiftet, sondern auch ein Instrument staatlicher und institutioneller Macht ist. Tymek Borowski empfindet seine Arbeiten einerseits als kulturelle Experimente, die Kunst, Design und Wissenschaft umfassen, andererseits aber auch als Instrumente, die es Menschen ermöglichen, die Wirklichkeit zu verstehen und zu verändern. Für die Ausstellung hat er die visuelle Identität, das Logo und den Katalog entworfen und darüber hinaus auch jeden Beitrag im Katalog mit einer eigenen Grafik kommentiert, die teilweise auch in der Ausstellung zu sehen sind.
Das dialektische Prinzip, mit dem sich COMMON AFFAIRS als Ausstellung immer wieder selbst reflektiert, durchzieht das gesamte Projekt. So verbindet Iza Tarasewiczs „Arena 2“ auf abstrakter Ebene verschiedene Werke der Ausstellung und arrangiert den Raum zu einer Art Bühnenbild – als Begegnung von Werken, Energien, Orten, Zeitlichkeiten, Haltungen und Konzepten. „Sprite FoCopcentual Tarist“ von Łukasz Jastrubczak bindet weitere Berliner Museen ein und Konrad Smoleński geht mit seiner Guerilla-Performance „Untitled“ noch einen Schritt weiter und verlässt den Ausstellungsraum in Richtung der Berliner Peripherie.

Adresse: Unter den Linden 13 / 15, 10117 Berlin

T. 030 / 20 20 93 0
F. 030 / 20 20 93 20

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