Berliner Straße

 

 Elżbieta Kargol

Berliner Straße

Betrachtet man Westpommern auf der Karte, erinnert es an ein Bild vom Schmetterling, dem seit 1945 ein Flügel fehlt. Nachdem die bisherigen Einwohner aus der Stettin vertrieben wurden, kamen die Neuen. Sie hatten eine andere Muttersprache und waren unsicher, welche Zukunft sie in der vom Krieg zerstörten Stadt erwartet. Die große Hafenstadt verlor ihr westliches Hinterland. Auf einmal führten die Ausfallstraßen ins Nichts.

Die Berliner Straße wurde in Mieszko I. Allee umbenannt. Das sollte Pommerns slawische Wurzeln demonstrieren. Bis heute versucht die Stadt sich mühsam von den Folgen des Krieges zu erholen. Der Stettiner Greif lernt mühevoll mit einem Flügel zu fliegen Hat er Berlin erreicht, wird er die Reste des Stettiner Bahnhofs (heute Nordbahnhof) vorfinden. In einem ehemaligen Gebäude des Vorortsbahnhofs an der Stettiner Straße, kann er sich von dem weiteren Flug ausruhen und sich bei einer Shisha-Pfeife entspannen.


Dem Pommerschen Greif wurde nach dem Krieg ein Flügel abgeschnitten.


Eine Schnittstelle zwischen der Stadt und dem Weg nach Berlin. Hauptbahnhof in Stettin, ehemals Berliner Bahnhof.

Ich steige in Szczecin aus dem Zug im Stettiner Bahnhof aus, der früher für kurze Zeit Berliner Bahnhof hieß. Reisende kamen hier mit der neuen Eisenbahnlinie aus Berlin an. Die Strecke verlief vom Stettiner Bahnhof in Berlin zunächst nach Eberswalde, dann über Angermünde und endete schließlich in Stettin.

Ich breche mit einem Leih-Fahrrad vom Stettiner Bahnhof, auf der Suche nach der vormaligen Berliner Straße, nach Westen Richtung Berlin auf. Unterwegs treffe ich unerwartet ein Stück deutsche Geschichte an. Eine kaum zu entziffernde Maueraufschrift auf einem alten Wohnhaus an der Owocowa Straße, deutet auf ein Kolonialwarengeschäft, das sich hier mal befand.

Ich fahre mit dem Rad der Strasse entlang, um zu sehen, was da noch geblieben ist…

Ich fahre an der ehemaligen Kaserne vorbei, die heute zur Stettiner Universität gehört und weiter zur Piasten Allee, die vormals Barnim Straße hieß.

Beide Namen spielen an pommersche Herrscher Dynastien an: die Piasten – und die Herzöge der Barnim Dynastie.

Der erste historisch belegte Piast war Mieszko I, weshalb es sich anbot, die Verlängerung der Piasten Allee nach ihm zu benennen.

 

Ehemalige Berliner Strasse in Stettin, die heute Mieszka I. heißt

 

Die heute gut ausgebaute Schnellverkehrsstraße war ursprünglich ein Feldweg, der dann befestigt und später gepflastert wurde. Ostwärts führte die Straße Ankommende aus Berlin zum Berliner Tor und westwärts über Scheune (Gumieńce) nach Berlin zurück.

Scheune (Gumieńce) ist der westlichste Stadtteil von Stettin. Früher erstreckten sich hier Felder und Wiesen. Man betrieb Landwirtschaft und Gartenbau. Auf den Feldern wurde Roggen, Weizen, Gerste, Zuckerrüben und Spargel angebaut. Heute noch entdeckt man herrenlose Obstbäume, deren Äpfel man pflücken und genießen kann.

 

 

 herrenlose Obstbäume 

Ich vergleiche die aktuelle Karte von Stettin mit der aus dem Jahr 1939. Die Schrebergärten am Fuß des Friedhofs gab es schon vor über 100 Jahren. Sie haben lediglich ihre Pächter gewechselt.

Schrebergärten 

 

 

Ich trete stärker in die Pedale und fahre entlang der Friedhofsmauer. Der Stettiner Hauptfriedhof wurde um 1900 gegründet und ist der drittgrößte in Europa. Er hat den Krieg gut überstanden, nicht so die Erinnerung an hier begrabene Deutsche und ihre Gräber.

 

 

Zaun am Hauptfriedhof. Damals drittgrößter der Welt.

 

Ich komme an eine holländische Mühle, die wie durch ein Wunder die Wirren der Geschichte überstanden hat. Auch einige Jahre nach dem Krieg war sie noch in Betrieb. In den benachbarten Wirtschaftsgebäuden wurde Öl gepresst.

 

Die Holländische Windmühle. Nach dem Krieg noch funktionsfähig.

 

 

 

 

 

Ehemalige Ölpresse, heute befindet sich hier eine Grabpflegefirma.

Alte Eichen umzingeln Reste von Bauernhäusern, die mit ihren Brotbacköfen und Ölmühlen von großer Bedeutung der Landwirtschaft an der Berliner Straße zeugen.

Ich passiere den Bukowa-Bach. Beim Umbau der Mieszko I. Allee stieß man an dieser Stelle auf Überreste einer Lausitzer Siedlung (mit Ganzbrandopfergräbern).

 

Der Fließ Plätschbach, heute potok Bukowa.

Ich lasse Autowerkstätten, Tankstellen und Einkaufszentren hinter mir und komme an die Wohnsiedlung Reda, die in den 80. Jahren errichtet wurde. Die Wohnungen wurden für Mitarbeiter der Seeschifffahrt gebaut.

Neue Plattenbausiedlung für Mitarbeiter der Seeschifffahrt

Vor der Siedlung geht die Mieszko I. Allee in die Południowa Straße über. Laut einigen Quellen begann hier die Berliner Chaussee, anderen Angaben nach hieß dieser Abschnitt Verkehrsstraße und die Berliner Chaussee wiederum begann dort, wo sich heute der Kreisverkehr an der Cukrowa Straße und ein Gebäude der Stettiner Universität (Fakultät für Verwaltung und Dienstleistungsökonomie) befindet.

Hier ändert sich der Name der ehemaligen Berliner Straße. Ulica Mieszka I hört auf und beginnt die Südstrasse

Stettiner Universität: Fakultät für

 


Nochmals eine Namensänderung: Zucker Straße führt nach Gumieńce – Scheune auf deutsch 

Die Cukrowa Straße führt zu der Eisenbahnstation Scheune (Gumieńce). In der Geschichte Stettins spielte dieser kleine Bahnhof Ende des Krieges eine tragische Rolle, denn hier fuhren die aus der Stadt vertriebenen Deutschen ab.

Viele haben den Bahnhof nicht erreicht und starben unterwegs vor Hunger und Kälte. Ihre Leichen wurden auf dem Friedhof in der Nähe des Bahnhofs in Sammelgräbern oder auf dem Landgut Scheune begraben. Hier stiegen auch nach einer langen und beschwerlichen Reise polnische „Stettiner Pioniere“ aus, um weiter zu Fuß zum Stadtzentrum zu gelangen.

 

 

In Nähe des Bahnhofs stehen noch einige Vorkriegsgebäude mit Wohnungen für die Eisenbahnangestellten.

 


 

Gutshof Scheune

 

 

Die Zuckerfabrik an der Cukrowa Straße war über 100 Jahre im Betrieb. Zu der Anlage gehörte eine Ziegelei, eigene Bahnanbindung und Felder auf denen Zuckerrüben angebaut wurden. Im II. Weltkrieg wurde in der Fabrik ein Lager für polnische Zwangsarbeiter eingerichtet. Danach funktionierte man es in eine provisorische Hilfsstelle um für Deutsche, die die Stadt verlassen mussten.

 

Zuckerfabrik in Gumienice

 

 

Heute entsteht auf diesem Gelände „Nowa Cukrownia“ (Neues Zuckerwerk), eine Wohnsiedlung der gehobenen Klasse. Leider wurden hierbei ohne die Zustimmung der Denkmalbehörde die meisten Bauten der alten Fabrik abgetragen.

 

 

Jetzt entsteht hier eine Wohnsiedlung für Wohlhabende – Nowa Cukrownia, Neue Zuckerfabrik.

 

 

Auf den ersten Blick erinnert nicht viel von der Mieszko I. Allee und der Cukrowa Straße an die alte Berliner Straße und die übriggebliebenen Spuren verschwinden schnell. Alte Gebäude werden nach und nach abgerissen, so auch die historische Kaserne an der Stadtgrenze. Nur die Halden roter Ziegelsteine erinnern noch an sie.

 

Die Steinhalde markiert (noch) den Ort, wo sich eine alte Kaserne befand


Leicht enttäuscht kehre ich ins Zentrum zurück. Plötzlich sehe ich mitten auf dem Gehweg ein altes Gassicherheitsventil mit deutscher Aufschrift. Das Metall ist von guter Qualität, wenn auch etwas verbeult, hat es die stürmischen Zeiten der Geschichte überstanden und ist bis heute ein Zeuge des Wandels.

 

Sicherheitsventil markiert die Stelle wo die Zuckerfabrik mit Gas versorgt wurde

 

 

 

 

 

 

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