Passagen aus der Trilogie „Girls-Spies“ (DE)

Alexander Kazak

vier Passagen aus der Trilogie „Girls-Spies“

„Girls-Spies oder die Große Chinesische Mauer“

Russische Version

NEUNTES KAPITEL

Trainer und Züchter

Berlin und ganz Europa, vor 15 Jahren

Anton und Bara

… Seit 1945 besitzen ganze Spionenclans Restaurants und Läden, betreiben

Reisebüros und Schuhgeschäfte, Friseursalons, Strip Clubs, Sex Shops, Bordelle und Massagesalons.

Je absurder ein Geschäft, das von ausländischen Geheimdiensten finanziert wird,

in den Augen eines Unwissenden aussieht, desto effizienter ist die geleistete Spionagearbeit. So

läuft´s in Berlin.

Am Anfang meiner Karriere als Nachrichtenoffizier arbeitete ich für zwei Jahre in

Berlin unter dem Deckmantel eines Zuhälter von Luxus-Prostituierten. Arbeiterinnen aus Russland herzuschaffen oder im saturierten Berlin zu finden, war ein vergebliches Geschäft  Deshalb habe ich mir meine Mädchen in ganz Europa zusammengesucht.

Im Auftrag des russischen Geheimdienstes rekrutierte ich Mädchen überall – in Polen, der

Tschechischen Republik, der Slowakei und in Serbien. Ein kurzer Besuch in einer Klein- und

manchmal in einer Großstadt endete mit Dutzenden von Treffen mit Mädchen, mit dem Ausfüllen

von Fragebögen und Interviews mit den interessantesten Interessentinnen. Unglückliche,

schlecht gekleidete, halb verhungerte Mädchen, die auf meine Anzeigen in Lokalzeitungen,

zu mir kamen, waren von vorne rein, für alles bereit. Der Anzeigentext lautete in etwa: „Arbeit für

junge Frauen ab 18! Begleitservice der Extraklasse in ganz Europa, mit exzellenten Verdienstmöglichkeiten. Kenntnisse in Englisch, Deutsch, Französisch und anderen Sprachen sind vom Vorteil.”

Ich interessierte mich nicht für erfahrene Prostituierte. Ich interessierte mich für Mädchen,

die bereit waren, sich selbst auf Abruf zu verkaufen. Die damit einverstanden waren,

dass über ihre Einnahmequellen daheim niemand erfährt. Die, aber auch ihr

Studium nicht abbrechen und sich nicht von ihren Müttern und jüngeren Geschwistern losreißen

müssten. Mir war bewusst, dass die blanke Not sie in meine Hände treibt. Dabei sahen

viele von ihnen dermaßen unschuldig aus, dass ich manchmal ernsthaft an ihren sexuellen Erfahrungen zweifelte. Das war aber genau das, was für meine Kartei entscheidend war – sie waren das Gegenteil von Prostituierten. Einige von ihnen wurden zu meinen Agentinnen.

Da wäre zum Beispiel die Bara aus Tschechien. Eine unglaubliche Schönheit mit blondem Haar und, wie es sich herausstellte, ein äußerst offenherziges Mädchen. Auf dem Rückweg

nach Berlin hörte ich mir mehrmals das aufgezeichnete Gespräch mit ihr an:

– Wie heißen Sie?

– Bara.

– Wie alt sind Sie?

– Fast zwanzig.

– Ist es Ihnen klar, dass wir Ihnen im Grunde genommen anbieten, sich zu prostituieren?

– Ja.

– Und das ist für Sie kein Problem.

– Das Problem für mich ist, dass ich mein Fremdsprachenstudium an der Uni unserer Provinzstadt nicht abschließen kann, weil meine Mutter nicht genug verdient, um mich und meinen Bruder durchzufüttern.

– Wie alt ist Ihr Bruder?

– Elf.

– Lieben Sie ihn?

– Ja! Deshalb bin ich hier!

– Und er liebt Sie auch?

– Er hat keine andere Wahl. Er liebt mich. Wen hat er denn sonst zu lieben?!

– Weiß Ihre Mutter, wo Sie gerade sind und warum?

– Ich hoffe mal nicht.

– Wie viel Geld brauchen Sie und wofür?

– Zuerst will ich meinem Bruder gute Schuhe, ein Basecap und eine warme Jacke kaufen.

Meiner Mutter einen Wintermantel und ein Paar Stiefel. Ich brauche eine Menge Slips, BHs,

Pullover und Jeans.

– Warum Pullover und Jeans?

– Viele sagen, dass ich in solchen Klamotten, wie ein Star aussehe!

– Auch ohne, sehen Sie wie ein Star aus.

– Wirklich?!

– Wirklich. Sie sehen wie Brigitte Bardot aus, als sie in Ihrem Alter war. So schön wie Sie sind, warum sind Sie nicht nach Prag oder woanders hingegangen?

– Dafür reicht das Geld nicht… aber zusammen überleben wir irgendwie. Wir helfen einander.

– Wie, zum Beispiel?

– Ich verkaufe Eis auf dem Marktplatz. Ich werde zwar schlecht bezahlt, aber wenn

ich viel arbeite, dann reicht es, damit meine Familie nicht verhungert. Das Gehalt meiner

Mom geht völlig für die Miete drauf. Sie arbeitet als Kellnerin in einem Restaurant.

Mein Bruder ist gut in der Schule, aber oft kommt er traurig nach Hause. Er fragt schon lange nicht mehr, wenn er was braucht! Schon seit fünf Jahren! Seitdem ihm klar wurde, dass

wir ihn selbst fragen, wenn wir mal Geld haben.

– Was ist mit Ihrem Vater?

– Weiß nicht. Er bekam vor etwa zehn Jahren einen Job auf einer Baustelle in Polen und kam einfach nicht zurück. Da wurde eine neue Straße von der EU gebaut. Er war ein einfacher Arbeiter.

– Warum „war“? Sind Sie sich sicher, dass er tot ist?

– Ich bin mir über nichts mehr sicher! Außerdem muss ich dafür sorgen, dass mein Bruder die Schule abschließt und eine Ausbildung macht. Ohne meiner Hilfe wird unsere Mutter

sicherlich sterben. Sie rackert sich ab. Ihre Beine schmerzen und

sie arbeitet trotzdem jeden Tag 12 Stunden ohne freie Tage. Viel Arbeit – wenig

Spaß!

– Und Sie wollen Spaß?!

– Kann doch sein, dass ich Glück haben werde?!

– Worin?!

– Zum Beispiel bekomme ich einen Auftrag mit einem sympathischen unverheirateten Millionär.

Wie in diesem Film mit Richard Gere und Julia Roberts.

– Glauben Sie an diese Hollywood-Märchen?

– Was bleibt mir übrig? Woran sollte ich sonst glauben? Erzählen Sie mir Ihre Märchen! Dann glaube ich an die!