Bogdan Twardochleb über das Grenzland

Bogdan Twardochleb hat mich mit seinem am 9. Februar 2016 in der REGENBOGENFABRIK gehaltenen Vortrag ‘Berlin Oder BERLIN’ sehr beeindruckt. Besonders gefielen mir ein paar Fotos von der deutsch-polnischen Grenze, die zeigen, wie sich die Grenzregion jetzt nach dem Abbau der Grenzanlagen in eine friedliche Landschaft um die Oder herum verwandelt hat. Auf meine Bitte hat Twardochleb mir eine Reihe weiterer Fotos geschickt, hier einige davon. In Penkun, Mecklenburg-Vorpommern, nahe der polnischen Grenze widmet sich ein Museum der Erinnerung an die Grenze, wie sie vor dem Fall des ‘Eisernen Vorhangs’ gewesen war.

Eine Passage aus dem Vortrag von Bogdan Twardochleb benennt viele Menschen diesseits und jenseits der Grenze, die sich dem Zusammenwachsen der Lebenswelten widmen, Fleiß und Mühe nicht scheuen dies voranzubringen und neu Gemeinschaft zu stiften.

Berlin Oder Stettin
In der Region verbindet uns die Oder, die Schifffahrtskanäle Oder-Havel und Spree-Oder, das Schiffshebewerk Niederfinow (alt und neu), die Schleusen bei Schwedt und Fiddichow, das untere Odertal, das Stettiner Haff, die Insel Usedom, die pommersche Bucht, die Geschichte und Kultur Pommerns, die Ostsee. Alles dies sind Wege zur Welt.

 

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Es verbinden uns die Menschen, viele normale Leute. Da sind die Grenzgänger: Prof. Tomasz Tomaszewski, Konzertmeister bei der Deutschen Oper Berlin, Daniel Stabrawa, der Konzertmeister bei der Berliner Philharmonie, Frank Gotzman, der Direktor des Amtes Gartz bei Stettin, der seit Jahren um Verbesserung der Verbindungen zwischen Berlin und Stettin unermüdlich kämpft.. Da ist Zbigniew Zbroja, der die Wasserstraße Szczecin-Berlin seit Jahren propagiert, und Leute beiderseits der Grenze, die Stettin als Berlins Hafen sehen, Karl Lau, der Bürgermeister der Grenzgemeinde Rosow und der Gründer der Gedächtniskirche Rosow als „deutsch-polnische Gedenkstätte für Flucht, Vertreibung und Neuanfang“ infolge des Zweiten Weltkrieges. Und weiter: Prof. Bogdan Matławski, ein Ethnologe, der in Żabnica an der Oder wohnt, Pastor Axel Luther aus Berlin, die Filmemacher Michał und Pawel Kulik, die mit ihren Filmen über das deutsch-polnische Grenzgebiet die Menschen, die beiderseits der Grenze wohnen, in Verbindung gebracht haben. Dann ist da das Ehepaar Mathias und Teresa, eine Deutsche aus Flensburg und eine Polin aus Stettin, die eine Touristikfirma gegründet haben und mit einem Geländewagen vor allem interessierte deutsche Touristen in Hinterpommern und noch viel weiter in den Osten herumfahren.

 

Granica 014Ich könnte viele, viele Leute beiderseits der Grenze nennen, die seit der Öffnung der Grenze ihre Pläne, Lebensträume usw. ausdrücklich in dieser Grenzregion verwirklichen wollen, können und dürfen, die eine eigene Welt für sich in der Grenzregion entdeckt haben, immer Neues entdecken und kreativ damit umgehen.

Aber ich muss noch zwei Männer erwähnen, die zwar nicht in Stettin wohnen, aber sowohl Stettin als auch Berlin im Auge haben, die beide Städte als die Pfeiler der Nordost-Grenzregion ansehen: Robert Ryss, ein Journalist aus Chojna (Königsberg an der Oder) und Zbigniew Czarnuch, ein pensionierter Lehrer und Lokalhistoriker aus Witnica (Vietz) bei Gorzów (Landsberg), der im Krieg viel von den Deutschen erlitten hat.. Nach dem Kriege war er lange felsenfest davon überzeugt, dass er nie mehr mit den Deutschen in Nachbarschaft leben wollte. Und was meint er heute? Er hat viele Freunde in Deutschland. Er hat für die gute Nachbarschaft sehr viel getan, mehr als viele Politiker.

 Und weiter: an der Universität in Greifswald arbeitet Marek Fiałek, in Heringsdorf wohnt Mariusz Lokaj, in Stralsund Paulina Schulz, die Schriftstellerin und Übersetzerin, die einen Verlag betreibt und polnische Prosa in die deutsche Sprache überträgt. Für all diese Leute, die ich genannt habe, noch weitere könnte ich nennen, ist die deutsch-polnische Nachbarschaft ein Schatz, ein Lebensraum ohne Grenzen.

Diese Leute beiderseits der Grenze bilden keine Organisation, keine Partei, keinen Verein. Sie sind nicht laut, auf den Straßen schreien sie keine Parolen, lassen sie es nicht krachen. Sie wohnen in Städtchen und Dörfchen nahe der Grenze, wie Böck, Pampow, Mescherin, Blankensee, Hintersee bei Stettin, sie arbeiten, betreuen ihre Kinder und Gärten und schauen mit Besorgnis, was sich in Berlin, in Stettin, in Warschau, was sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen, mit EU und Schengen entwickelt. Was passiert da, wie geht es weiter? Ihre Besorgnisse sollten wir teilen.

Granica mit Reh