Die Augenlust und das Vergnügen des Sehens (3)

Johann Gottfried Schadow

Friedrich II. von Hohenzollern, genannt der Große

In einem 1785 publizierten Heft der Warschauer Zweiwochenschrift ,Polak Patriota’ kann man folgende Beschreibung Friedrichs des Großen lesen: „Immer ist er fast auf die gleiche Art gekleidet, immer hat er Stiefel an, die auf Husarenart ungeschnürt in Falten herunter rutschen, bereits rostbraun geworden, weil nie geputzt. Den Hut (der preußischen Kavallerieoffiziere) trägt er mit der breitesten Seite nach vorne über Stirn und Augen. Aus einer sehr großen Tabaksdose schnupft er Riesenmengen spanischen Tabak, den er größtenteils auf die Weste und die Hose fallen lässt, die dadurch sehr dreckig und fleckig sind, wie auch auf eine Anzahl von englischen Windspielen, die immer um ihn herum laufen.“ Diese Uniform Friedrichs war hellblau, und vom besagten spanischen Tabak, einem der wenigen Luxusgüter, die sich der König gönnte, wurden jährlich 300 Pfund aus Cádiz eingeführt. Diese Beschreibung steht der ‘Vision’ nahe, die Johann Gottfried Schadow (1764 – 1850 Berlin), einer der hervorragenden Vertreter des Klassizismus in der europäischen Bildhauerei, einige Jahre später in seinem Werk umsetzte.

Die Skulptur von Schadow, die den ältesten Sohn von Sophia Dorothea von Hannover und Friedrich Wilhelms I. von Hohenzollern darstellt, ist ein aus weißem Carrara-Marmor gemeißeltes, vollfiguriges, überlebensgroßes, repräsentatives Standbild des preußischen Herrschers – Friedrich des Großen. Sie steht im Stettiner Nationalmuseum. Das vollplastische königliche Bildnis entstand auf Wunsch der Ritterschaft der Provinz Pommern in Stettin und auf Betreiben von dem mit Pommern eng verbundenen, preußischen Kabinettsminister Ewald Friedrich Graf von Hertzberg. Dieser ging in die deutsche Geschichte als hervorragender Kanzlist und Mitgestalter zahlreicher wesentlicher politischer Unternehmungen der friderizianischen Epoche ein – in die polnische Geschichte allerdings vor allem als einer der Ideologen der ersten Teilung Polens. Schloss Britz im südlichen Berliner Stadtteil Neukölln ist mit seinem Namen verknüpft. Im April 1791 wandte sich Graf von Hertzberg an König Friedrich Wilhelm II. mit dem Gesuch, ein Denkmal als Ehrung für Friedrich II., den Onkel des Herrschers, errichten zu dürfen, wofür die Provinz Pommern die Kosten des Unternehmens tragen sollte. Diese Idee fand die Billigung des Königs, der in seiner am Tag darauf erteilten Antwort die offizielle Zustimmung dazu gab. So kam es zum Vertrag zwischen Hertzberg und Johann Gottfried Schadow. Am 5. August 1791 wurde 1793 auf einem repräsentativen Platz in Stettin, dem Weißen Paradeplatz, unweit der Fenster der königlichen Wohnung im Ständehaus, das Denkmal Friedrichs II. von Hohenzollern feierlich enthüllt, erstes Zeugnis des Kultes um den Herrscher. Diese Skulptur von Schadow wurde im weiteren Verlauf maßgebend für die verbreitete Vorstellung vom König der Preußen, Rex Borussorum. Für die Herausbildung der friderizianischen Legende (sei sie apologetisch oder auch ‘schwarz’), für den Mythos vom Preußentum, weiterhin für den patriotischen Mythos des Hauses Hohenzollern wird dieses Standbild eine wichtige Rolle spielen.

Er denkt wie ein Philosoph und handelt wie ein König” – so beschrieb Jean-Jacques Rousseau einst Friedrich II., der mit stoischer Gelassenheit seinen öffentlichen Pflichten nachkam, den der äußere höfische Glanz der Macht anwiderte, ein brutaler Feldherr, ein geschickter Diplomat, zu zweideutigem Verhalten fähig, wenn es um die Machtstellung seines Staates ging, aber auch ein Aristokrat des Geistes in der Epoche der Aufgeklärten („Siècle des Lumières“). Die Beurteilung dieses Herschers hängt zweifelsohne mit dem Denken des europäischen aufgeklärten Absolutismus zusammen. Friedrich II. ist eine Person, die lebhafte Emotionen weckt und durchaus unterschiedlich beurteilt wird – apologetisch bis sehr kritisch und negativ. Im Gedächtnis der Nachwelt lebt er weiter – einerseits als brillianter Taktiker und rücksichtsloser Feldherr, Hauptakteur bei drei Schlesischen Kriegen, sowie dem Bayerischen Erbfolgekrieg und Initiator der ersten Teilung Polens – andererseits als ein vor allem um das Wohl seiner Untertanen und seines Staates besorgter, empfindsamer, literarisch begabter Philosoph, der in seinem geliebten Sanssouci Bücher, Konzerte und Gespräche mit den aufgeklärten Geistern seiner Epoche Bällen und Jagdgesellschaften vorzog.

In Stettin stand das erste Denkmal Friedrichs II. im öffentlichen Raum, in Pommern war die friderizianische Legende lebendig. Eine der lokalen Volkserzählungen, die die philosophische Natur des Herrschers und seinen Sinn für Humor bestätigen, macht das anschaulich:

An der Tür eines Pastorhauses las der König einmal die Worte: »Ich lebe ohne Sorge«. Da ließ der König den Pastor rufen und sagte zu ihm: »Wenn er wirklich keine Sorgen hat, so werde ich ihm welche machen. Er soll mir vier Fragen beantworten: Wie schwer ist der Mond? Wieviel Sterne sind am Himmel? Wie tief ist das Meer? Welches sind meine Gedanken? Weiß er mir in Jahresfrist keine Antwort darauf zu geben, so ist er die längste Zeit Pastor gewesen«. Der Pastor konnte keine einzige Antwort auf die Fragen finden. Da klagte er seinem Schäfer die Not. Der Schäfer erbot sich, sogleich nach Berlin zu reisen und dem Könige die Lösungen zu sagen. Er wurde vorgelassen. Der König wiederholte die erste Frage, und der Schäfer antwortete: »Ein Pfund, denn der Mond hat ein erstes und letztes Viertel, folglich muß der ganze Mond vier Viertel oder ein Pfund schwer sein«. Als der König die zweite Frage wiederholte, zog der Schäfer einen Bogen Papier hervor, auf den er unzählig viele Tintenflecke gemacht hatte, und sagte: »So viele Sterne stehen am Himmel, und wer’s nicht glauben will, der mag sie zählen«. Auf die dritte Frage antwortete er: »Das Meer ist einen Steinwurf tief«. Als der König die vierte Frage wiederholte, antwortete der Schäfer: »Ihr, Herr König, denkt, ich sei der Pastor, der ohne Sorge lebt; ich bin aber nur der Schäfer«. Da sprach der König: So mache ich dich hiermit zum Pastor, und der Pastor soll die Schafe hüten«. So geschah es. Als aber der König nach einem Jahr revidierte, fand er beide unglücklich, denn der Schäfer konnte nicht predigen und der Pastor nicht hüten. Da erlaubte ihnen der König, dass sie ihre Ämter wieder vertauschten, und fortan lebten beide zufrieden bis an ihr Ende.

Johann Gottfried Schadow, Friedrich II. von Hohenzollern, genannt der Große, 1793, Carrara-Marmor, 250 x 90 x 60 cm, Nationalmuseum Stettin, Fot. Michał Wojtarowicz

Schadow war Direktor der Berlinischen Akademie der Künste, er hat die Quadriga auf dem Brandenburger Tor in Berlin und die bekannte Statue der Schwestern Luise und Friederike, Herzoginnen von Mecklenburg-Strelitz, geschaffen. Bei seiner Statue für Stettin und Pommern hat augenscheinlich die naturalistische Darstellung die Oberhand gewonnen über einen klassizistischen Idealismus. Gemäß dem Vertrag wurde Friedrich II. stehend, im Kontrapost dargestellt, der Kopf nach links gewendet, der Blick in die Ferne gerichtet. Friedrich II. trägt die Uniform des preußischen Kavalleriegenerals und einen Hermelinmantel, sowie lange, übers Knie reichende Stiefel. Auf dem Kopf trägt er den charakteristischen Dreispitz mit Kokarde. Den Oberkörper des Königs ziert ein Schulterband mit dem unter dem Mantel sichtbaren Orden vom Schwarzen Adler auf der Brust, dessen Devise lautet: Suum cuique „Jedem das Seine“. Bis 1918 war dieser Orden die höchste Auszeichnung im Königreich Preußen, noch heute ist er der Hausorden der ehemals in Preußen und im Deutschen Kaiserreich herrschenden Dynastie der Hohenzollern. Der linke Arm des Königs, im Ellbogen angewinkelt und in die Hüfte gestützt, öffnet mit einer natürlichen Bewegung den unteren Teil des Mantels und lässt den mit einer Schärpe mit Quasten doppelt umwickelten Gürtel mit dem Degen an der Seite zum Vorschein kommen. Die Haltung des Arms und das vorgeschobene, leicht angewinkelte Bein, dazu der zurückgebeugte Kopf und der ausdrucksstarke, in die Ferne gerichtete Blick flößen Respekt ein und verleihen der Figur repräsentative Würde. Mit der Auflockerung des ganzen Oberkörpers der Figur hingegen brachte der Künstler etwas Leichtes in seine Komposition. Die Diagonalen führen ein Element der Dynamik ein und lassen die monumentale Darstellung natürlich erscheinen. In der rechten Hand hält der König seinen Feldherrnstab, den er auf zwei zu seinen Füßen liegende Bücher stützt. Auf dem Rücken sind die Inschriften zu lesen: „Corpus Iuris Frid.” (Friedrichs Gesetzbuch) und „Artes Pacis et Belli” (Kunst des Friedens und des Krieges), beide verweisen auf die wichtigsten Leistungen des Herrschers. Die weiße Marmorfigur Friedrichs steht auf einem Sockel aus dunkelgrauem schlesischen Marmor. An der Vorderwand des Postaments wurde eine Tafel mit dem Datum „Friderico II. Pomerania MDCCXCIII” angebracht. Zu den dargestellten Büchern, das ideelle Programm des Werks ergänzend, kamen drei emblematische Reliefs, die die hintere und die beiden Seitenwände des Postaments zierten. Auf der Rückseite wurde ein, nicht erhalten gebliebenes Flachrelief mit dem Bild eines auffliegenden gekrönten Adlers mit Blitzstrahlen in den Fängen angebracht, der das Haus Hohenzollern symbolisierte. An den Seitenwänden des Sockels befanden sich zwei fast quadratische Reliefs. Das eine zeigte ein Liktorenbündel, Bücher, eine Leier und einen Lorbeerzweig. Damit wurde auf die Macht und Würde des obersten Staatsdieners, auf die Kunst des Friedens verwiesen und die humanistischen, philosophisch-künstlerischen Interessen des Königs (Musik, Poesie, bildende Kunst) bildlich dargestellt. Auf dem anderen Relief war ein Schild mit einem Gorgonenhaupt umrandet von Panoplien zu sehen – eine Allegorie des Militarismus, der Kriegskunst. Die Stettiner Skulptur beeindruckt durch ihre künstlerische Qualität, die Art und Weise der Bearbeitung der plastischen Details, das meisterlich getroffene Porträt der Gesichtszüge. Sie vereint die Würde und den Glanz des offiziellen, repräsentativen königlichen Bildnisses mit einer realistischen psychologischen Studie, die die Natur und den Charakter der Person wiedergibt.

Die wechselhafte, interessante Geschichte des Stettiner Kunstwerkes ist ein wichtiger, zum Nachdenken anregender Beitrag zur geschichtlichen, kulturell vielschichtigen Entwicklung von Pommern. Die heute im Innenhof des Museums für Regionale Traditionen, Teil des Nationalmuseums, ausgestellte Skulptur von Schadow ist eine Rarität in den polnischen öffentlichen Sammlungen, ein Zeugnis des Genius Loci von Stettin – Hauptstadt des polnischen Westpommern, früher der deutschen Provinz Pommern, Geburtsstadt der Zarin Katharina II. und Herkunftstadt der Vertriebenen.

Aus dem Polnischen von Barbara Ostrowska, Dariusz Kacprzak

Sprachliche Konsultation Brigitte von Ungern-Sternberg


Der Text ist eine gekürzte und geänderte Version des Beitrags von Dariusz Kacprzak, Johann Gottfried Schadows Friedrich II. von Hohenzollern in Stettin / Fryderyk II Hohenzollern Johanna Gottfrieda Schadowa w Szczecinie, in: Friedrich der Große Johann Gottfried Schadow aus der Sammlung des Muzeum Narodowe w Szczecinie (Nationalmuseum Stettin), Hrsg. K. Gehrmann, D. Kacprzak, J. Klebs, Übersetzung Barbara Ostrowska, Berlin 2011, Schriftenreihe der Schadow Gesellschaft Berlin e.V., Band XIV, S. 22–30.

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