Nach dem Fest in der U-Bahn

Ein harmonischer Abend mit Musik, Poesie und lukullischen Freuden im multikulturellen Berlin lag hinter uns.
Wir fuhren mit der U-Bahn nach Hause, freuten uns über einen Sitzplatz und die angenehme Wärme im Waggon.
Uns gegenüber saß ein Mittdreißger mit schwarzer Hautfarbe, der verständnisvoll lächelte, als ich mich von meiner Mütze befreite und den Schal lockerte. Er trug weder Kopfhörer, noch schrieb er angestrengt einen Text in sein Handy. Er saß einfach nur da mit einer dünnen Einkaufstüte neben sich und betrachtete seine Mitmenschen. So schauten wir gleichzeitig in den Einkaufswagen einer älteren Mitreisenden, als diese den Reißverschluss aufzog und in ihren Habseligkeiten nach etwas zu suchen begann.
So diskret wie möglich versuchte ich zu erfassen, ob irgendwelche Lebensmittel in Ihrem “Reisekoffer” waren. Ich konnte keine entdecken und überlegte fieberhaft, ob ich in meinem Rucksäckchen etwas eingepacktes Essbares hätte. Leider hatte ich weder Pirogi von der überfüllten Tafel mitgenommen, noch einen der Obstspieße. Mir fiel ein, dass ich  zwei Lebkuchenmännchen aus Stettin in eine Serviette gewickelt hatte.
Gott sei Dank waren sie noch heil, als ich das Papier aufschlug und die Frau fragte, ob sie diese Mitbringsel von einer Weihnachtsfeier haben möge. Sie nickte, nahm sie vorsichtig aus meiner Hand, wickelte sie wieder ein und legte sie oben auf ihre Kleidung.
Der schwarze Mann griff in seine Tüte, holte eine Mango heraus und fragte die Dame in perfektem Deutsch, ob sie eine Mango möge.
Sie zögerte kurz, so als habe sie noch nie eine Mango gesehen, griff dann beherzt zu und packte sie wie einen Schatz weg.
Bevor sie ihren Wagen schließen konnte, hielt ihr der junge Mann, der ihr gegenüber saß, sein Trinkpaket hin und versicherte, dass es noch verschlossen sei und er es eigentlich nicht brauche. In dem Moment stoppte die U-Bahn und die Beschenkte schaffte es noch gerade, auch diese Gabe wegzupacken, bevor sie ausstieg und zur U-Bahn nach Neukölln überwechselte.  Wir Zurückgebliebenen lächelten uns verlegen an und fuhren schweigend weiter.
Der junge Saftspender stieg am Platz der Luftbrücke aus, wir alten Leb(kuchen)herzen zwei Stationen später.
Der schwarze Mann lächelte uns beim Aufstehen an und erwiderte unseren Wunsch für einen schönen Restabend  mit einem perfekt formulierten Gegenwunsch. Beschwingten Schrittes erklommen wir die beschwerliche Treppe in unserem häßlichen U-Bahnhof und erwarteten von diesem Abend nichts mehr als friedliche Stille und ein paar blitzende Sternchen.