Nochmals Sedina

Ach ja die Sedina – eine Flussgöttin, eine Erscheinung aus der Welt der Mythen, die Beschützerin der Oder!


Vergeblich habe ich mich bemüht, sie im Internet aufzuspüren, um Näheres über sie zu erfahren. Dort existiert Sedina nicht, jedenfalls nicht als Göttin, dort findet man einen Schmetterling mit diesem Namen.

Haben die Bürger des im deutschen Kaiserreich wohlhabend gewordenen Stettin diese Figur imaginiert? Ludwig Manzel hat sie pompös ausgeführt im wilhelminischen Stil der Zeit, der figurenreiche Brunnen wurde 1898 an prominenter Stelle aufgestellt. Diese Sedina ist im Laufe des Zweiten Weltkriegs abhanden gekommen. An ihrem Platz erschien nach dem Krieg ein Brunnen mit einem großen Anker – nicht sehr poetisch! Aber weg ist weg. Etwas musste die Leerstelle ausfüllen.

Etwas Merkwürdiges ereignet sich in letzter Zeit – Sedina soll sich wieder zeigen. Aber wie und in welcher Gestalt? Was sind das für Impulse? Auf dem Internet Forum ‘Skyscraper City’ gibt es eine lebhafte Diskussion in polnischer Sprache über 120 Seiten (!), die darum geht, ob man den Manzelbrunnen mit der Sedina eins zu eins rekonstruieren und am alten Platz wieder aufstellen soll, ausgerechnet eine Figur aus dem wilhelminischen Kaiserreich!?!

Was hat diese im heutigen Szczecin zu suchen?

Kleine Rückbesinnung:

In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts, der Zeit der massiv einsetzenden Industrialisierung und der explodierenden Städte, gab es offenbar ein Bedürfnis nach Anbindung an mythologische Figuren – oft weiblichen. In New York erschien die ‘Statue of Liberty’, in Berlin wurde auf dem Alexanderplatz eine ‘Berolina’ aufgestellt, in München auf der Theresienwiese eine ‘Bavaria’ … und in Stettin eben die ‘Sedina’, Verkörperung der Seele des Flusses und der Stadt.

Und woher kommt heute dieses Bedürfnis nach einer Flussgöttin? Offenbar gibt es Bürger und Bürgerinnen in Szczecin, die keine Mühe scheuen, die Sedina in ihrer alten wilhelminischen Gestalt auferstehen zu lassen, als ‘Erscheinung’ am alten Platz, als akribisch nachgeformtes Modell mit allen dazugehörigen Figuren, darunter ein Hermes, der Gott der Kaufleute und Diebe. Das Modell des Manzelbrunnens steht heute im Nationalmuseum.

Könnte man die Gestalt der Sedina nicht einfach neu erfinden? Da gab es tatsächlich eine neue Sedina – 2008 in Sand ausgeführt – inzwischen von Wind und Wetter in alle Himmelsrichtungen zerstreut.