Prosa von Joanna Rudniańska (DE)

Joanna Rudniańska, XV

Verlag Muchomor, Warszawa 2012

Polnische Version

I

Es gab es einmal zwei Mädchen. Sie waren gleich wie zwei Küken, die aus demselben Ei geschlüpft sind. Ihre Mutter hat sie im Wald geboren und sie konnte nicht mit ihnen nach Hause gehen. Also ist sie zu der alten Frau gegangen, die in einer Hütte am Waldrand wohnte. Sie sah aus wie ein altes Mütterchen, das man oft auf Landstraßen treffen kann, klein, bucklig, in Tücher und Röcke eingehüllt. Das einzige, was an ihr außergewöhnlich war, waren ihre Augen – klar und amethystfarben mit einem unvergesslichen Blick.

Die Mutter der Mädchen gab der alten Frau einen goldenen Ring mit der Bitte, sich der Kinder anzunehmen. Darauf erwiderte sie:
– Geh nach Hause und mach dir keine Sorgen.
Sie sagte noch, dass die Kinder wunderschön sind und sie werde darauf achten, dass sie ein wunderschönes Leben haben werden.

II

Es geschah im Jahre 1932 in Osten Europas, in Polen, an einem Fluss, der Bug heißt. Dort gab es ein Dorf mit einem Park, wo, umgeben von alten Eichen und Kastanien, ein Gutshaus aus Holz stand. Im Sommer kamen immer viele Leute aus der Stadt, so viele, dass sie nicht alle auf dem Gut wohnen konnten, sondern in Strohhütten im Park.

III

Die alte Frau kümmerte sich um die Mädchen drei Tage. Am vierten Tag, zur rechten Zeit, brachte sie die Mädchen in den Wald und bettete sie in eine mit Gras ausgelegte Mulde am Wegesrand. Es war ein herrlicher Sommernachmittag. In der Hitze summten Tausende von Insekten. Sonnenstrahlen durchleuchteten den Wald, der nach Gras und heißem Sand duftete. Die Mädchen lagen ruhig und guckten in die Wipfel der hohen Kiefern, die majestätisch unter einem blauen Himmel wogen.

IV

In diesem Augenblick spazierten zwei junge Frauen vorbei durch den Wald, die hier Ferien verbrachten. Sie hatten vor, Steinpilze zu sammeln, von denen es in jenem Jahr viele gab. Stattdessen haben sie heftig über Gott und die Welt diskutiert. Als sie in den Wald kamen, sahen sie die gekrümmte Alte mit einem Bündel Reisig auf dem Rücken. Sie stand am Weg und schaute sie aufmerksam an. Was für sonderbare Augen sie hat, dachten sich beide, aber keine sprach es aus.

V

Sie gingen weiter den sandigen Waldweg lang und waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie fast die an Wegesrand liegenden neugeborenen Zwillinge übersehen hätten. Doch gerade als sie vorbeigingen, gab die Alte einen seltsamen Laut von sich, ein dumpfes Rufen, als sei sie eine Eule: Hu, hu, hu. Erst dann sahen sie zwei Säuglinge, die im Gras lagen! Sie rannten auf sie zu und, ohne nachzudenken nahmen sie die Neugeborenen auf den Arm. Diese den einen und jene den anderen Zwilling. Und dabei blieb es, weil jede auf Anhieb ihr Mädchen über alles liebgewann. Und jede von ihnen dachte, dass ihr Mädchen das schönste Kind auf der Welt war.
VI

Die Frauen wollten nicht mit den kleinen Mädchen prallen, so als ob hätten sie zwei prachtvolle Steinpilze gefunden. So schnell es ging, kamen sie vom Spaziergang zurück. Sie schlichen sich in das Gutshaus durch die Hintertür ein und unbemerkt gingen sie in das Zimmer der Verwalterin Maria. Sie war eine sehr patente Frau und hat sofort die beiden Ehemänner und einen Doktor holen lassen, beschaffte Flaschen, Schnuller, Milch und Windeln.
Unauffällig hat man im Dorf herumgefragt, aber niemand wusste etwas von neugeborenen Kindern. Die Eheleute beschlossen, die Mädchen als eigene Töchter anzunehmen. Am nächsten Tag in aller Frühe brachen die Eltern jeweils mit ihren Töchterchen vom Gutshof am Bug nach Warschau auf. Dort wohnten sie in weit auseinanderliegenden durch den Fluss getrennten bürgerlichen Vierteln.
Beide Adoptivfamilien haben beschlossen niemals mehr in Kontakt zu treten und den Zwillingen die Wahrheit über ihre Herkunft zu verschweigen.

VII

Kurioserweise gab man den beiden Mädchen demselben Namen: Hanna. Beide nannte man mit den Kosenamen Hanni. Beide Hannis hatten liebevolle Eltern und noch Omas, Opas und Cousins. Sie wuchsen in wohlhabenden ruhigen Häusern auf, man liebte sie und verwöhnte. Sie konnten sich nicht an die ersten Tage ihres Lebens erinnern und wussten nicht, dass sie eine Schwester haben.

VIII

Eines Tages haben sie sich dann doch gesehen. Da waren sie nicht älter als vier. Die Eltern haben sie in die Oper mitgenommen. Man zeigte Madame Butterfly. Zufälligerweise trugen beide Mädchen rosa Samtkleider.