Stettin/Szczecin die Wiedergeburt einer Stadt

wiedergeburtAm 11. November fand in der Polnischen Buchhandlung in der Sanderstraße eine Veranstaltung statt zum Thema:

Stettin/Szczecin die Wiedergeburt einer Stadt

Es war interessant, aber ich muss zugeben:

Bei dieser Veranstaltung ist mir das Herz nicht so richtig aufgegangen. Warum?

So weit ich die Beiträge der Podiumsteilnehmer – Eryk Krasucki, Inga Iwasiów, Bogdan Twardochleb, der Moderator Basil Kerski – verstanden habe über die Simultanübersetzung, sind viele Stettiner sehr mit der Suche nach ihrer Identität befasst. So weit so gut. Ich hatte den Eindruck, dass sie dabei eher nach innen schauen als nach außen oder gar in Zeitepochen vor 1945. Nur Bogdan Twardochleb von der Zeitung Kurier Szczecinski erörterte eine Perspektive, die tiefer in die Historie der Stadt geht, schwedische Zeiten, preußische Zeiten…

Der allzu sehr ausufernde Diskussionsbeitrag einer alten Dame, vermutlich eine vertriebene Stettinerin, wurde abgewürgt. Ich kann verstehen, dass er genervt hat. Ein etwas versöhnlicheres Eingehen auf ihren Beitrag hätte ich lieber gehört. Die Perspektive der Vertreibung der Deutschen, der dann einsetzenden großen Zuwanderung nach Stettin aus ganz Polen verbunden mit einer rigorosen Polonisierung der Stadt gehört doch auch zur ihrer Geschichte. Zugegeben kein schönes Kapitel. Es gehört aber zum Großthema ‚Umbrüche’ in der Stadt in der neueren Geschichte, so wie das Schicksal und die Abwanderung der Juden, die Jahrzehnte hinter dem ‚Eisernen Vorhang’ vor 1990 und die ‚Wiedergeburt‘ danach in den letzten 25 Jahren. Da kann eigentlich nichts weggelassen werden – finde ich. Was bedeutet eigentlich ‘Wiedergeburt’? Renaissance in der europäischen Geschichte bedeutete die Wiedergeburt der Antike. Was entspricht dem in Stettin/Szczecin? Ich stellte die Frage, habe aber keine mich überzeugende Antwort erhalten.

Da die Beiträge besonders um das Thema ‘Identität’ kreisten, stellte ich mir selber die Frage, was es damit auf sich hat.

Wie kommt es zur Identitätsbildung einer Persönlichkeit? Man wird als Kind geprägt von der Familie, der Schule, der Beziehung zur Umgebung, von der weiteren politischen Umwelt, von der Kultur. Das nimmt man als Kind nolens volens auf. Ein Kind hat ja keine Wahl. Wenn dann der Reflexionsprozess in späteren Jahren einsetzt, dann arbeitet man sich tunlichst durch das ganze Konglomerat durch. Dabei kommt man dann auch auf die Leerstellen, das Verdrängte … aber auch auf die positiven Prägungen, die man gar nicht verwerfen möchte. Die typische Geschichte eines Entwicklungsromans. Zur ausgereiften Identität gelangt man erst, wenn man weder das Positive noch das Negative außer Acht lässt. Und das möchte ich so auch für ganze Gesellschaften sehen allerorten, im Großen und im Kleinen.

Nachlesen kann und sollte man die Beiträge der Podiumsteilnehmer und einer Reihe von weiteren Autoren in einem brandneuen Buch

 

STETTIN

Wiedergeburt einer Stadt
Essays über die Odermetropole

herausgegeben von Basil Kerski

Deutsches Kulturforum Östliches Europa